Mittwoch, 28. Oktober 2015

1889

Nur wenige Menschen schaffen in ihrer Lebenszeit einen Eintrag in die Geschichtsbücher, sei es
durch neue Erkenntnisse in der Wissenschaft und Forschung, durch Leistungen in Philosophie und Literatur, oder dadurch, dass sie irgendwann durch Politik den Lauf der Weltgeschichte gut oder schlecht beeinflussten.Da dies auf die Mehrzahl der Menschen nicht zutrifft, geraten diese ziemlich bald nach ihrem Lebensende in Vergessenheit. Im Folgenden will ich den Versuch unternehmen, dieser Gesetzmäßigkeit dahingehend entgegenzuwirken, indem ich die Lebensgeschichte meiner Großmutter, soweit sie mir in Erinnerung geblieben ist, für die Nachwelt zu erhalten versuche. Die Beschreibung stützt sich teilweise auf meine persönlichen Erlebnisse, zum anderen Teil auf ihre Erzählungen aus einer lange zurückliegenden Zeit, die nicht meine war.

1889 wurde sie geboren in einer Stadt, die man damals Fiume nannte. Italienisch war dort die häufigste Umgangssprache, obwohl die Stadt politisch zu Ungarn gehörte. Deshalb besuchte sie nach dem Ende ihrer Pflichtschulzeit eine Lehrerinnenbildungsanstalt in einer Stadt, die man damals Maria Theresiopel nannte, wo sie die ungarische Sprache erlernen musste. Weihnachten konnte sie nur dann nach Hause fahren, wenn die Donau nicht gefroren war. Offensichtlich gab es damals dort noch keine Brücken. Deutsch dürfte sie von ihrer Mutter gelernt haben, die aus der Steiermark stammte. Und kroatisch wurde in Fiume ebenfalls gesprochen, aber ihre Primärsprache, in der sie tagtäglich ihr Geld zu zählen pflegte, blieb zeitlebens italienisch.


Ihre spätere Jugendzeit verbrachte sie dann in einer Stadt, die man damals Pola nannte und wo sie wohl irgendwann meinem Großvater, der dort als Marineoffizier eingesetzt war, über den Weg lief. Doch diese Zeit ging bald zu Ende und mit Ihr auch das alte Österreich und das alte Ungarn und damit auch zwangsläufig die Marine. Deshalb machte sich mein Großvater auf die Reise in seine alte Heimat um dort die Grundlage für den Aufbau einer neuen Existenz und die Gründung einer Familie zu suchen, während meine Großmutter alleine in Pola
zurückblieb. Fast ein Jahr soll sie kein Lebenszeichen von ihm vernommen haben; stattdessen kursierten immer wieder Gerüchte über Gefangennahmen oder sogar Ermordungen. Aber schließlich kam er doch wieder mit der frohen Botschaft, in der alten Heimat ein Haus erworben zu haben. Also transportierten sie ihre gesamte Habe zum nächstgelegenen Bahnhof, wo sie sich einen Güterwaggon reserviert hatten, mit dem sie die Reise antraten. Der Zug soll 14 Tage unterwegs gewesen sein – für eine Wegstrecke, die man in der heutigen Zeit in weniger als 5 Stunden bewältigen kann.

Nun aber will ich einen Zeitsprung vornehmen bis zu jener Zeit, an
die ich mich selbst erinnern kann. 66 Jahre war sie alt, als ich geboren wurde. Im Haushalt, in dem
ich aufwuchs war ihre Hauptaufgabe die Zubereitung der Mahlzeiten. Und da sie zeitlebens der mediterranen Lebensart verbunden blieb, gab es oft Fisch. Viele ihrer Spezialitäten kann ich mir heute nur selbst machen, wenn ich sie essen will, so wie etwa die gefüllten Artischocken, da diese von der Gastronomie nirgendwo angeboten werden. Unvergessen bleibt mir auch die Pasta Fasoi

Triestina, wie auch das Brodetto mit Polenta.

Eine ihrer besonderen Eigenschaften war es, sich anders als andere Menschen nicht an die positiven, sondern überwiegend an die negativen Erlebnisse zu erinnern – und davon gab es in ihrer Lebenszeit
bedingt durch die beiden Weltkriege wohl genug. Und deshalb war sie auch anders als andere Menschen niemals versucht, vergangene Zeiten zu glorifizieren sondern pflegte immer wieder zu sagen: „Eine gute alte Zeit hat es nie gegeben“.
In mancherlei Hinsicht war sie moderner als viele jüngere Menschen, dennoch orientierte sie sich immer an starren Verhaltensregeln, die nicht hinterfragt werden sollten. Dabei handelte es sich aber keinesfalls an religiösen Dogmen, da sie bereits konfessionslos war, als dies noch eine ganz seltene Ausnahme war.

Immer wenn sie mich mit ihren Gemeinplätzen wie etwa „das schickt sich nicht“, „das tut man nicht“, „das macht man so“ etc. konfrontierte, dürfte sie mir offenbar zu vermitteln gewollt
haben, dass das eigene Verhalten tunlichst am Verhalten anderer Menschen auszurichten wäre.

Und auch ihr Tagesablauf war Stunde für Stunde genau festgelegt. Morgens musste sie immer um 7:00 Uhr aufstehen um pünktlich zu frühstücken, denn der Magen braucht seine Ordnung. Dieses Ordnungsprinzip kam auch mit ihrem Wochenprogramm zum Ausdruck. Jeder Nachmittag der Woche war verplant. Da gab es die Canastarunde, den Kinonachmittag, die Parkhotelrunde mit ihren italienischsprachigen Freundinnen, eine Kaffeehausrunde mit den deutschprachigen Freundinnen oder den Besuch im Hause einer anderen Freundin. Dieses Programm wiederholte sich Woche für Woche mit Ausnahme von einigen Wochen in den Sommermonaten. Da stand immer ein Kuraufenthalt in Chianciano auf dem Programm, wo sie sich ausgiebig mit Leuten in ihrer Muttersprache unterhalten konnte, und im August noch ein weiterer in Bad Schallerbach. Sie liebte es zwar auch, zu verreisen aber nach dem 75. Geburtstag fühlte sie sich dazu bereits zu
schwach.

Der Abend gehörte schon damals dem Fernsehgerät, das bis in die frühen 70er Jahre noch ein
schwarz-weiß Bild hatte. Mit fortschreitendem Alter wurde es lauter um damit das nachlassende Gehör zu kompensieren. Als es uns irgendwann zu laut wurde, wurde ein Kopfhörer angeschafft, der damals noch mittels eines Kabels mit dem Gerät verbunden war. Ebenso gab es als Zubehör eine Fernbedienung zur Regelung der Lautstärke und der Helligkeit, wofür ebenfalls ein Kabel vonnöten war.


In der zweiten Hälfte der 70er Jahre musste sie zu ihren Besuchen und Kaffehausrunden gefahren und abgeholt werden, weil ihr der Weg aus eigener Kraft bereits zu beschwerlich war. Da diese Aufgabe nicht selten mir zukam, konnte ich auch hautnah miterleben, wie diese einst großen Runden von Jahr zu Jahr kleiner wurden, bis es zuletzt nur noch drei alte Damen waren. Den 90. Geburtstag konnte sie noch in geistiger Frische bei guter Gesundheit feiern. Wenige Wochen danach setzte der geistige und körperliche Verfall ein, der ca. 1 ½ Jahre kontinuierlich fort schritt. Ihr langes Leben endete am 9. Mai 1981.